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Die kleine Oma, irgendwann vom lieben Gott vergessen


Die kleine Oma heißt Stefanie Olzcanska und wohnt in einem Weiler süd-östlich von Malbork, dem ehemaligen Marienburg. Ein schmaler, unebener Wirtschaftsweg frisst sich durch Wiesen und Ackerland immer weiter, bis man sich schon fast in der Einöde glaubt. Manchmal zweigen kleinere Wege ab, wohin sie führen erkennt man nicht. Im Frühjahr fegt ein eisiger Wind über die kahlen Flächen. Im Sommer dekoriert sich diese holperige Zufahrtsstraße mit Kornblumen und feuerrotem Mohn, die ihre bunte Herrlichkeit entfalten und der tristen Gegend zu Glanz verhelfen. Goldgelbes Getreide auf den Äckern lässt auf volle Scheunen hoffen und dazwischen das Hellgrün der Wiesen, das sich sanft über kleine Hügel erstreckt. Eine zauberhafte Gegend, und dann auf einem freien Platz ein herunter gekommenes großes Gebäude mit einem kunstvoll eingemauerten Judenstern am Giebel. Vor dem Kriege hat dieses Haus bestimmt bessere Zeiten erlebt, jetzt ist es die Bleibe von mehreren Familien.

Hier wohnt Stefanie mit ihrer Tochter Giesela in einem dunklen, zugigen Verschlag unter dem Dach. Für eine Flucht war es 1945 zu spät, also blieb sie dort, heiratete einen Polen und zog Kinder groß, die nichts mehr mit Deutschland zu tun haben. Stefanie hat sich "ihr" Deutschland bewahrt. Obwohl sie kaum Gelegenheit hat, kann sie sich noch in ihrer Muttersprache unterhalten.

Ein Verschlag, abgeteilt von einem Heuboden ungemütlich und nicht isoliert, das ist die Wohnung der beiden Frauen. Wir haben Ende März, doch von Frühling ist hier nichts zu spüren. Auf dem Hof liegt noch Altschnee und der eisige Wind weht unter jeden Ziegel hinein in die Zimmer, die Stefanie "meine Wohnung" nennt.
Ihr gesamter Luxus besteht aus einem harten Küchenstuhl vor dem winzigen eisernen Herd. Stundenlang sitzt sie in diesem einzigen heizbaren Raum am Fenster und schaut auf ihren kahlen Garten. Auf dem Bord ein Kofferradio vermittelt ihr den Kontakt zur Außenwelt. Für ärztliche Untersuchungen und Medikamente fehlt das Geld, also kuriert sie sich mit Hausmitteln und Salben. Dabei sind ihre ohnehin deformierten Beine angeschwollen und drohen zu platzen.

Als ich ihr das erste Mal begegne, bin ich schockiert. Mühsam bewegt sie sich auf ihren kranken Beinen her zu uns. Dabei stützt sie sich auf einen dicken Ast, den ihr wohl jemand vom Baum abgesägt hat. Hinter einem verrosteten Maschendraht beackert sie mit ihrer Tochter einen Garten und hier, mitten im Grünen, hat sie sich eine Laube eingerichtet. Wir laden unsere Spenden aus: Ein Fahrrad für Giesela. Endlich kann sie die weiten Wege mit dem Rad erledigen. Stefanies Augen leuchten, als sie den großen Karton mit Cornflakes sieht. Ein Luxus sondergleichen und für sie unerschwinglich. Die isst sie so gern. Zusätzlich werden noch Kartons mit Bekleidung für die Frauen ausgeladen.

Im nächsten Frühjahr ein weiterer Besuch. Wir haben einen Rollstuhl und Krücken an Bord. Stefanie ist überglücklich als Giesela ihr von dem Rollstuhl berichtet. Das Gefährt steht unten an der Treppe, doch inzwischen ist die Holztreppe für die gebrechliche Frau ein unüberwindbares Hindernis geworden.

Was für ein Leben, und dennoch ist sie glücklich und voller Dankbarkeit, als sie die vielen Bananenkartons sieht, einen kleinen Fernseher, warme Decken und wieder ihre geliebten Cornflakes. "Der liebe Gott hat mich doch nicht vergessen", philosophiert sie. Ein Augenblick der ihren tristen Tag verändert, der ihr im Moment das Gefühl gibt, nicht vergessen zu sein. Verstohlen blicken wir uns in der Küche und im Vorraum um. Man könnte so vieles verändern, menschenwürdiger, praktischer und vor allem wärmer. Wir alle entwickeln spontan Pläne, die man nur noch umsetzen müsste, doch von welchem Geld? Hier können wir von "Hilfe und Tat" nur lindern. Der Umweg von circa drei Stunden hat etwas bewirkt. Eigentlich sollten wir zufrieden mit uns und unserer Aufgabe sein, in diesem Falle bleibt jedoch immer etwas Hilflosigkeit zurück.

Hier im Westen wird so manches entsorgt, was noch verwertbar ist. Viele Wohnungen stehen leer, weil es woanders komfortablere gibt. Muss man da nicht ins Grübeln kommen? - (Ute Fetkenhauer)


Elvira Syroka - Bericht eines ehemaligen Wolfskindes


(Vilko vaikai = Wolfskinder)

"Wolfskinder" ist die Bezeichnung für deutsche Kriegswaisen, die nach 1945 auf der Suche nach einem Weiterleben in die Hände der Eroberer gerieten und später als Erwachsene unter falscher Identität leben mussten. Etwa 25.000 Kinder verloren in dieser Zweit, während der Flucht ihre Eltern und irrten ziellos durch Ostpreußen (Oblast Kaliningrad) und Litauen umher, ständig auf der Suche nach Essen und Arbeit. Nur wenige Kinder überlebten, einige hatten das Glück von litauischen und russischen Bauern aufgenommen zu werden. Oftmals wurden sie dort wie Arbeitssklaven behandelt.

Während meiner Reise nach Kaliningrad begegnete ich der 78-jährigen Elvira Syroka, einem ehemaligen Wolfskind. Sie verpasste als Halbwüchsige den letzten Transport und musste schutzlos und ohne Heim in der Ruinenstadt unter den Russen bleiben. Inzwischen hat sie ihren Frieden gemacht mit ihrem erbärmlichen Leben und wohl auch mit ihren Peinigern. Einfach war es nicht.

Die schlohweißen Haare akkurat frisiert, das Gesicht übersät mit Falten und Runzeln, blickt sie mich mit blitzenden Augen an. Ja, ihre Augen sind immer noch hellwach und strahlen Hoffnung und Zuversicht aus. Seit vielen Jahren ist sie westlich orientiert, könnte sogar in Deutschland ein bequemes Leben führen, aber sie möchte in ihrem Königsberg bleiben. "Ich will erleben, wie diese Stadt wieder so schön wird, wie sie einst war", sagt sie voller Überzeugung und in diesem Augenblick will ich es einfach glauben.

Wir sitzen in der evangelischen Kirche, Kaliningrad, Probst Heye Osterwald hält seine Predigt und nach zwei bis drei Sätzen wird Gottes Wort durch eine Dolmetscherin den russischen Gläubigen übersetzt. Ich sitze neben Elvira und plötzlich beginnt sie zu reden. Stockend flüstert sie mir ihren grauenvollen Start nach dem Umbruch zu.

Ich arbeitete, wie viele andere Jugendliche während des Krieges auf einem Gut in Litauen. Als die Eltern im Treck vor den Russen flüchteten, gab es in der Eile keine Möglichkeit, mich nach Königsberg zu holen. Die Eltern und meine Geschwister flüchteten ohne mich. Als ich mit anderen Jugendlichen aus Litauen zurückkam, waren die Eltern weg, die Geschwister weg, ich wusste nicht wohin.

Wir haben geheult wie die Wölfe, weil wir hungrig waren und alle entsetzliche Angst hatten. Überall saßen die Sieger, die Russen. Wir suchten Unterschlupf in Ruinen und Kellern, doch wenn wir Hausrat und Decken gefunden hatten, jagten uns die Sowjets wieder fort. Unser Leben bestand nur noch aus Angst. Wir klauten uns irgendwo etwas zum Essen. Elfjährige Jungen mauerten die Einschusslöcher zu und wir tapezierten die Wände mit alten Zeitungen. Nur so konnten wir überleben. Viele Kinder und Jugendliche gingen zurück nach Litauen, ich bin in Königsberg geblieben. Es war doch meine Heimatstadt.

Ihre Stimme verändert sich. Sie wird hart als sie sagt: "Keiner fragt, was die Russen gemacht haben, immer sind nur die Deutschen Schuld. Ich musste mein Heimatgefühl und teuer bezahlen." Was dann folgt, kann ich nur anhören, verstehen kann ich es nicht. Die Russen quälten sie bis ich ohnmächtig zu Boden sank. Dann hängten sie die leblose junge Frau an den Händen gefesselt an einen Baum. Als ihr eine Kuh mit der rauen, nassen Zunge durch das Gesicht leckt, kommt sie zu sich und will sich aus ihrer Zwangslage befreien. Ihre Peiniger greifen erneut zu und schlagen sie viele Male mit dem Kopf gegen eine Wand. Elvira ist mehr tot als lebendig, als sie in ein Massengrab geworfen wird. "Ich kam wieder zu mir und stellte fest, dass sich der gesamte Menschenhaufen bewegte", erzählt sie. Es war ein Auf und Nieder der Arme und Beine und Köpfe. Einige krochen an den Rand der Kuhle und schleppten sich irgendwo in Sicherheit. Sie wollte es wenigstens versuchen und schaffte es bis zu einem Dickicht." Hier fand sie eine mitleidige Russin. Sie nahm die geschundene Frau mit in ihre Wohnung und pflegte die Wunden so gut es ging.

Obwohl die Zeiten auch für die Russen schlimm genug waren, gab es noch Denunzianten, denen Menschlichkeit fremd war. Einige Tage später stand die Miliz vor der Tür um sie abzuholen. Die Russin war außer sich und dachte gar nicht daran, die junge Frau ihrem Schicksal zu überlassen. Sie kniff ihren kleinen Sohn so heftig, dass dieser aus Leibeskräften schrie. An der Tür erklärte sie den Häschern, dass ihr Sohn Typhus hätte. Da gingen sie, weil sie sich nicht anstecken wollten. So blieb Elvira am Leben, sie sagt mit Gottes Hilfe.

Um endlich ihren deutschen Namen abzulegen heiratete sie 1952 einen Russen, doch ihre Ehe wurde ein entsetzliches Martyrium. Ihr Ehemann vergewaltigte sie und Schläge gehörten zu ihrem Alltag. Ihre einzige Freude waren ihre beiden Kinder, Yuri und Tatyana. Deutsch sprach sie nur noch mit ihrem Herrgott. Die russische Sprache brachte sie sich selbst bei und später lernte sie von ihren Kindern. Viele Jahre, bis 1970, durfte sie ihre deutsche Identität nicht preisgeben, ein einziges deutsches Wort hätte sie das Leben gekostet.

Ihre Familie in Westdeutschland ließ nichts unversucht, die Tochter und Schwester zu finden. Über das Rote Kreuz in Litauen gelang nach vielen Jahren der erste Kontakt. Elvira stellte einen Antrag auf Besuchserlaubnis, der sofort abgelehnt wurde. Sie hatte gelernt zu kämpfen, also reiste sie nach Moskau und bleib eine Woche lang vor dem Kreml sitzen. Dann endlich zeigte man Erbarmen und im Jahre 1970 konnte sie das erste Mal allein nach Deutschland fahren. Ihre beiden Kinder musste sie als lebendiges Pfand in Kaliningrad lassen und nur der Kinder wegen kam sie damals schweren Herzens zurück.

Inzwischen ist sie viele Male in den Westen gereist und hat über die große Entfernung hinweg einen engen Kontakt zu ihren Geschwistern. Längst kommt sie freiwillig zurück, weil Königsberg ihre Heimat ist. "Ich will Ostpreußen erleben wie die Kühe grasen, die Mohrrüben wachsen, ich will die freie Stadt erleben. Ich möchte sehen, wie die Menschen hinein und herausfahren, so wie sie wollen," schwärmt sie und insgeheim wartet sie sehnsüchtig darauf, dass "ihr" Königsberg wieder eine schöne Stadt wird.Ihre Kinder sind längst erwachsen und können als Russen die Nöte ihrer Mutter schwer nachvollziehen.

Seit vielen Jahren hat Elvira Syroka ihr Leben in den Dienst Gottes gestellt, denn nur so findet sie Kraft für den nächsten Tag. Sie putzt und schmückt die evangelische Kirche in Kaliningrad ganz allein. "Ich muss meinem Herrgott doch zeigen, wie dankbar ich ihm bin, dass er mich am Leben ließ", sagt sie in aller Demut. In der Betreuung von tuberkulosekranken Kindern hat sie noch im hohen Alter die Erfüllung gefunden. Sie hilft wo sie nur kann. Für ein Weggehen in den wohlverdienten Ruhestand, in den Luxus des Westens ist es zu spät. "Ich kann verzeihen", erklärt sie mir, vergessen wird sie die Höllenqualen wohl niemals.

Über den Krieg und seine Verursacher hat sie ihre eigene Meinung: "Hitler war ein großer Mann, er hat allen Arbeit gegeben. Stalin hat die Menschen verachtet und vernichtet. Er hat zweimal mehr Menschen vernichtet als Hitler."

Ich mag dieser Frau nicht antworten, ihre Meinung bleibt im Raume stehen. - (Ute Fetkenhauer)


Segelschulschiff "Mir" - das Aushängeschild der russischen Marine


Es hatte den Anschein, als wenn das Segelschulschiff "Mir" im Winter 1993/1994 in Bremerhaven überwintern sollte. Eine sehr fragwürdige Entscheidung, denn die tägliche Versorgung der Besatzung war in keiner Weise gewährleistet. "Hilfe und Tat" hörte von diesem Dilemma und unterstützte die Crew intensiv mit Lebensmitteln. Von den Kapitänen erfuhren wir, dass die "Mir" ihren Liegeplatz längst hätte räumen sollen, es aber nicht konnte, weil die Treibstofftanks bis auf den letzten Tropfen leer waren.

Wieder schalteten wir uns ein und über verschiedene Sponsoren schafften wir es tatsächlich, diesem Schulschiff 42.000 Liter Kraftstoff in die Tanks zu pumpen. Noch am selben Tage ließ sich das stolze Schiff von zwei Schleppern aus dem Hafen bugsieren und konnte nun endlich zurück nach St. Petersburg segeln.

Die beiden Kapitäne Antonow und Shifkov bedankten sich überaus herzlich und luden drei Vereinsmitglieder zu einem langen Segeltörn ein. Hellmuth Miesner und Hannes Burfeindt nahmen diese nicht alltägliche Einladung an und reisten nach Rostock, um dort an Bord zu gehen. Die abenteuerliche Seereise ging bis nach St. Petersburg. Die beiden Vereinsmitglieder mittleren Alters schliefen im Gemeinschafts-Schlafsaal der blutjungen russischen Kadetten und erlebten hautnah den Alltag an Bord eines Segelschiffes. Vorsichtshalber hatten sie sich reichlich Proviant mit an Bord genommen, den dann aber die recht ausgehungerten jungen Männer vertilgten.

Ein ganz besonderes Erlebnis für die beiden Vereinsmitglieder war die Besichtigung der Festungsinsel Kronstadt, die seinerzeit für Touristen gesperrt war. Mit der Admiralsbarkasse setzte man Miesner und Burfeindt über. Der Admiral ließ es sich nicht nehmen, die beiden durch die Anlage zu führen. Nach dem Rundgang, so steht es in den Aufzeichnungen, floss, wie üblich in Russland, der Wodka in Strömen. - (Uwe Remmers)


Hilfe, dort wo niemand mehr zuständig ist (Lydia Piester)


Seit Jahren kümmert sich Lydia Piester gemeinsam mit ihrer Schwester Anna um Kinder, die keiner will. In dem kleinen Dorf Gratschowka, zwischen Kaliningrad und Swetlogorsk, dem früheren Rauschen, weitab von der Hauptstraße, hat sie ein Kinderheim aufgebaut. Es fehlt an allem, an Liebe allerdings fehlt es nicht. Für die Alkoholwaisen, deren Eltern sich ausschließlich mit Wodka beschäftigen und Kinder aus zerrütteten Familien ist sie Mutter und Lehrerin zugleich. Die Kinder lernen bei Lydia Piester ein geordnetes Leben kennen. Sie kümmert sich um Essen und Trinken, um eine Schulausbildung und gibt ihren Schützlingen ein gutes Fundament für das spätere Leben.

Allerdings muss sie auch gegen die Machenschaften des Regimes kämpfen. Ihr erstes Domizil war gerade renoviert und menschenwürdig ausgestattet, da zwang man sie, diese Räumlichkeiten zu verlassen. Sie gab nicht auf und suchte eine neue Bleibe für ihre große Familie, die sie letztlich in Gratschowka im Dachgeschoß eines alten Hauses fand. Das alles macht sie völlig uneigennützig.

Hilfe und Tat hatte vor für sie zwei riesige Koffer mit Kleidung und anderen Hilfsgütern in der evangelischen Kirche Kaliningrad deponiert. Sie war überglücklich, dass wir an sie gedacht hatten, dennoch bereitete ihr die Spende große Sorgen. Es war ihr kaum möglich, die 17 Rubel (ca. 50 Cent) für den Bus aufzubringen. - Um ihr weniges Geld zu sparen, ging die ältere Dame den weiten Weg bis in die Stadt nach Möglichkeit zu Fuß.

Eine Entscheidung, die hier im Westen kaum jemand treffen würde. - (Ute Fetkenhauer)


Kultur zwischen Ost und West


Neben der materiellen Hilfeleistung bauten die Vereinsmitglieder im Laufe der Zeit natürlich auch Kontakte zu einzelnen Personen oder auch Einrichtungen in Kaliningrad und im Ermland auf.

Für einige Jahre bestand eine ganz besondere Verbindung zwischen dem "Gemischten Chor Fischerhude" und dem "Chor Brevis" von der Musikhochschule "Rachmaninov" in Kaliningrad.
Jürgen Holsten und Uwe Remmers sorgten seinerzeit dafür, dass diese qualifizierten Sängerinnen, Studentinnen der Musikhochschule, im Bremer Umland und in unserer Großgemeinde professionelle Konzerte geben konnten. Eine große Herausforderung, denn die Sprachschwierigkeiten auf beiden Seiten gestalteten jede Diskussion schwierig. Für formelle Absprachen, die seinerzeit telefonisch geregelt werden mussten, stand eine Dolmetscherin zur Verfügung.

Für die Musikstudentinnen mit ihrer Dirigentin Inga Shvets bedeuteten die Konzertreisen in den Westen ein Stück Lebensqualität, für die sie sehr diszipliniert arbeiteten. Dabei war es den jungen Mädchen einerlei, ob die Auftritte zwischen klapperndem Geschirr bei Dodenhof in der Cafeteria oder in einem Kirchenschiff stattfanden. Ihre Mittellosigkeit überbrückten die Sängerinnen mit sehr viel Phantasie und auch mit Gleichmut. Sie traten mit Pullovern, T-Shirts und Hosen auf, je nachdem, was sie besaßen. Hier sorgten wir dafür, dass alle eine weiße Bluse bekamen, denn so wollte der Chor eigentlich aussehen.

Gemeinsam mit vielen Gastfamilien in Fischerhude und Ottersberg leistete unser Verein "Hilfe und Tat" mit diesen Besuchen einen großen Beitrag zur Völkerverständigung. Alle Chormitglieder wurden in Privatquartieren untergebracht und die Verpflegung organisierten die Gastfamilien gemeinsam. Mit unserer Hilfe konnten die jungen Mädchen die östliche Grenze überwinden und sich selber ein Bild vom Westen Europas verschaffen. Die Musikstudentinnen und ihre Chorleiterin nahmen von ihren Chorreisen viele Erinnerungen und außergewöhnliche Erlebnisse mit zurück in ihre Heimat. Hier wurden Freundschaften zu den Gastfamilien geknüpft, die später telefonisch oder durch Briefe fortgeführt wurden.

Ein weiterer kultureller Höhepunkt waren Auftritte des Deutschen Theaters von Kaliningrad. Das 15-köpfige Ensemble trat zweimal mit kleinen Theaterstücken und Sketchen von Loriot, hauptsächlich in hiesigen Schulen auf. Die Schauspielgruppe übernachtete in einer Einrichtung in Clüversborstel. Auch diese Gastspiele organisierte Uwe Remmers.


Ein Haus für Gerdauen - Oblast Kaliningrad


Im ehemaligen Gerdauen, dem heutigen Shelesnodoroschnij, finanzierte "Hilfe und Tat" den dort lebenden deutschstämmigen Übersiedlern aus den Zentralasiatischen Republiken die Erneuerung eines alten deutschen Hauses. Der Werdegang dieser Aktion, angefangen von der begeisterten Idee bis zur Einstellung dieser Aufgabe verlief für die aktiven Mitglieder jedoch wie die Fahrt auf der Achterbahn und das über Jahre.

Begonnen hatte alles mit einem halbfertigen Haus auf einem malerisch gelegenen Grundstück, oberhalb des Mühlenteiches, umrahmt von uralten Laubbäumen. Es bot sich die Chance dieses Haus zu einem relativ geringen Kaufpreis zu erwerben, und zwar für die örtliche Gruppe des Vereins "Samland", die dort ihre Vereinsaktivitäten ausüben sollten. Aus dem anfänglichen Traum sollte sich bald ein Alptraum entwickeln.

Es stellte sich heraus, dass die Bausubstanz denkbar schlecht war, also musste das Gebäude abgerissen werden. Es wurde dann unter Verwendung der alten Steine neu erbaut. Gebrauchte Fenster, Türen, die Heizungsanlage sowie die Sanitäreinrichtungen brachten wir in mühevollen Transporten von Deutschland zur Baustelle. Endlich war das Gebäude trocken und Fenster und Türen verschließbar. Bis dahin hatte der Neubau bereits einige tausend Mark verschlungen, denn die Russen erhielten für ihre handwerklichen Tätigkeiten einen Lohn.

In der Folgezeit verging kein Hilfstransport nach Kaliningrad ohne einen Besuch in Gerdauen. Fortschritte der späteren Eigentümer zeigten sich allerdings nicht. Die Russen erwarteten tatsächlich von uns weiterhin einen Arbeitslohn, obwohl sie das Haus später selber nutzen wollten. Man rechnete sogar damit, dass wir später die Strom-und Wasserkosten, sowie alle anfallenden Hauskosten übernehmen. Wir zogen die Notbremse und schlugen der evangelischen Kirche in Kaliningrad vor, sich hier einzubringen. Leider war der Etat der Kirche sehr begrenzt, man lehnte ab. Unser Verein zahlte im Jahre 2004 zum letzten Mal einen Zuschuss für die weitere Fertigstellung. Wir haben dann zugunsten anderer Pläne von weiterer Hilfeleistung Abstand genommen und die Zahlungen eingestellt.