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Erlebnisberichte

Reisebericht vom ersten Hilfstransport im März 2017

Der erste Hilfstransport im März 2017 ging an die treuen Abnehmer in Gorowo (Landsberg) und Bartenstein. Zusätzlich sah sich das Team zwei neue Einrichtungen an, die in unsere Hilfsaktion mit aufgenommen werden sollen.

Günther Grajetzky, Transportleiter für diese Tour, hat seine Eindrücke im nachfolgenden Reisebericht aufgezeichnet.

Reisebericht von der Tour 25. – 29. März 2017

Am Sonntag steuerten wir unsere erste Abladestelle in Bartenstein, die Sozialstation der Johanniter, an. Die beiden rührigen Helferinnen freuten sich sehr über unsere Lieferung Inkontinenzartikel. Anschließend ging es nach Gorowo Ilaweckie zur Sozialstation der Stadt, zum Bürgermeisteramt der Landgemeinde und zuletzt zur Gesellschaft der Deutschen Minderheit "Natangen". Von dort aus begleiteten uns Frau Bürgermeisterin Swietay und Magdalene Heidenreich, die ehemalige Vorsitzende des Vereins „Natangen“, zum Dorf Kaminsk. Dort hatten wir die Gelegenheit, eine von der Gemeinde neu eingerichtete Wohnanlage für nur 19 Personen, zu besichtigen. In der Anlage wohnen derzeit lediglich 13 Personen. Kurios erscheint dem Außenstehenden, dass man das Seniorenheim in unmittelbarer Nähe des örtlichen Gefängnisses gebaut hat. Grund dafür war, dass lediglich dieses Gebäude für ein Altenheim geeignet war.
Man hat das in die Jahre gekommene Haus mit einer Fußbodenheizung nach neuesten Erkenntnissen, und zwar mit Wärmepumpen und Erdkollektoren ausgestattet.
Auf dem Dach befindet sich eine Fotovoltaikanlage, die sowohl für Wärme als auch für heißes Wasser sorgt. Jeder Heimbewohner wohnt in einem gemütlichen, großen Zimmer, die geräumigen Badezimmer sind angrenzend. Im Erdgeschoss gibt es Fitnessräume, die in Zukunft mit unseren Lieferungen bestückt werden.
In einem weiteren Gebäude hat man Raum geschaffen für Kommunikation, Therapie und für sinnvolle Beschäftigung der Bewohner. Für PC-Benutzer stehen sogar drei Computer zur Verfügung. Die Unterbringungskosten belaufen sich auf 3.000,-- Pzl pro Monat, das sind ungefähr 720,-- Euro. Die Bewohner zahlen mit ihrer Rente, den Rest übernimmt der Staat, wenn die Angehörigen dazu nicht in der Lage sind. Unser Fazit: Wir haben eine außergewöhnliche Seniorenanlage kennengelernt.

Am Dienstag besuchten wir den Verein Bärentatze in Sensburg, (heute Mragowo). Dieser Verein schrumpfte leider von 1.500 auf aktuelle 550 Mitglieder. Der Empfang war überaus herzlich, aber das kennen wir ja von anderen Einrichtungen auch. Adolf, ein achtzigjähriger Deutscher, ertrug nach Kriegsende das schwierige Leben unter polnischer Herrschaft, nur um in seiner Heimat zu bleiben. Er spricht aber immer noch seine Muttersprache und war sehr glücklich darüber, dass er sich mit uns, seinen Landsleuten, austauschen konnte. Es gab noch weitere Personen, die noch der deutschen Sprache mächtig waren. Das liegt wohl auch daran, dass die Erlernung der deutschen Sprache dort sehr gefördert wird. Die angebotenen Deutschkurse werden nicht nur von Mitgliedern der „Bärentatze“ besucht.

Gemeinsam mit den Menschen dort erlebten wir sehr informationsreiche Stunden mit vielen Gesprächen, unterschiedlichen Inhalts bei sehr guter Bewirtung. Im Laufe der vielen Gespräche erfuhren wir, was im Verein benötigt wird. Die Liste ist lang, das Wichtigste sind Bekleidung, Hausrat und Schuhe, aber auch über Rollatoren und Gehhilfen würde man sich freuen. Der Verein unterhält eine Kleiderkammer, die dienstags und donnerstags geöffnet ist. An diesen zwei Tagen können sich die Vereinsmitglieder, aber auch andere Bedürftige aus der Vielzahl unserer Hilfsgüter das aussuchen, was sie dringend benötigen.

Während unseres Aufenthalts lernten wir einen Deutschen kennen, der seit fünf Jahren in Sensburg lebt. Er verkaufte in Wolfsburg sein Hotel mit Gaststätte und arbeitet jetzt als Fremdenführer. - (UF)


Die kleine Oma, irgendwann vom lieben Gott vergessen

Die kleine Oma heißt Stefanie Olzcanska und wohnt in einem Weiler süd-östlich von Malbork, dem ehemaligen Marienburg. Ein schmaler, unebener Wirtschaftsweg frisst sich durch Wiesen und Ackerland immer weiter, bis man sich schon fast in der Einöde glaubt. Manchmal zweigen kleinere Wege ab, wohin sie führen erkennt man nicht. Im Frühjahr fegt ein eisiger Wind über die kahlen Flächen. Im Sommer dekoriert sich diese holperige Zufahrtsstraße mit Kornblumen und feuerrotem Mohn, die ihre bunte Herrlichkeit entfalten und der tristen Gegend zu Glanz verhelfen. Goldgelbes Getreide auf den Äckern lässt auf volle Scheunen hoffen und dazwischen das Hellgrün der Wiesen, das sich sanft über kleine Hügel erstreckt. Eine zauberhafte Gegend, und dann auf einem freien Platz ein herunter gekommenes großes Gebäude mit einem kunstvoll eingemauerten Judenstern am Giebel. Vor dem Kriege hat dieses Haus bestimmt bessere Zeiten erlebt, jetzt ist es die Bleibe von mehreren Familien.

Hier wohnt Stefanie mit ihrer Tochter Giesela in einem dunklen, zugigen Verschlag unter dem Dach. Für eine Flucht war es 1945 zu spät, also blieb sie dort, heiratete einen Polen und zog Kinder groß, die nichts mehr mit Deutschland zu tun haben. Stefanie hat sich "ihr" Deutschland bewahrt. Obwohl sie kaum Gelegenheit hat, kann sie sich noch in ihrer Muttersprache unterhalten.

Als ich ihr das erste Mal begegne, bin ich schockiert. Mühsam bewegt sie sich auf ihren kranken Beinen her zu uns. Dabei stützt sie sich auf einen dicken Ast, den ihr wohl jemand vom Baum abgesägt hat. Hinter einem verrosteten Maschendraht beackert sie mit ihrer Tochter einen Garten und hier, mitten im Grünen, hat sie sich eine Laube eingerichtet. Wir laden unsere Spenden aus: Ein Fahrrad für Giesela. Endlich kann sie die weiten Wege mit dem Rad erledigen. Stefanies Augen leuchten, als sie den großen Karton mit Cornflakes sieht. Ein Luxus sondergleichen und für sie unerschwinglich. Die isst sie so gern. Zusätzlich werden noch Kartons mit Bekleidung für die Frauen ausgeladen.

Im nächsten Frühjahr ein weiterer Besuch. Wir haben einen Rollstuhl und Krücken an Bord. Stefanie ist überglücklich als Giesela ihr von dem Rollstuhl berichtet. Das Gefährt steht unten an der Treppe, doch inzwischen ist die Holztreppe für die gebrechliche Frau ein unüberwindbares Hindernis geworden.

Ein Verschlag, abgeteilt von einem Heuboden ungemütlich und nicht isoliert, das ist die Wohnung der beiden Frauen. Wir haben Ende März, doch von Frühling ist hier nichts zu spüren. Auf dem Hof liegt noch Altschnee und der eisige Wind weht unter jeden Ziegel hinein in die Zimmer, die Stefanie "meine Wohnung" nennt.

Ihr gesamter Luxus besteht aus einem harten Küchenstuhl vor dem winzigen eisernen Herd. Stundenlang sitzt sie in diesem einzigen heizbaren Raum am Fenster und schaut auf ihren kahlen Garten. Auf dem Bord ein Kofferradio vermittelt ihr den Kontakt zur Außenwelt. Für ärztliche Untersuchungen und Medikamente fehlt das Geld, also kuriert sie sich mit Hausmitteln und Salben. Dabei sind ihre ohnehin deformierten Beine angeschwollen und drohen zu platzen.

Was für ein Leben – und dennoch ist sie glücklich und voller Dankbarkeit, als sie die vielen Bananenkartons sieht, einen kleinen Fernseher, warme Decken und wieder ihre geliebten Cornflakes. "Der liebe Gott hat mich doch nicht vergessen", philosophiert sie. Ein Augenblick der ihren tristen Tag verändert, der ihr im Moment das Gefühl gibt, nicht vergessen zu sein. Verstohlen blicken wir uns in der Küche und im Vorraum um. Man könnte so vieles verändern, menschenwürdiger, praktischer und vor allem wärmer. Wir alle entwickeln spontan Pläne, die man nur noch umsetzen müsste, doch von welchem Geld? Hier können wir von "Hilfe und Tat" nur lindern. Der Umweg von circa drei Stunden hat etwas bewirkt. Eigentlich sollten wir zufrieden mit uns und unserer Aufgabe sein, in diesem Falle bleibt jedoch immer etwas Hilflosigkeit zurück.

Hier im Westen wird so manches entsorgt, was noch verwertbar ist. Viele Wohnungen stehen leer, weil es woanders komfortablere gibt. Muss man da nichts in Grübeln kommen? - (Ute Fetkenhauer)


Zollabfertigung in Bagrationowsk (früher Preußisch Eylau)

Alle, die bereits dort waren wissen: Hat man erst einmal die streng bewachte Landesgrenze überwunden, erlebt man tatsächlich ein winziges Stück der heilen Welt des alten Ostpreußens. Es sind wohl die Störche, die dort so häufig vorkommen, wie hier die Spatzen. Aber auch die Weite der Landschaft und die wenigen Straßenzüge mit Häusern aus der Vorkriegszeit runden das Bild vom einstigen Leben dort ab.

Eines ist jedoch gewiss, an der Grenze heißt es Geduld üben, denn eine durchschnittliche Wartezeit von acht Stunden ist die Normalität. Obwohl ja lange vor der Abfahrt schon Ladelisten akribisch genau nach Vorschrift erstellt wurden und auch alle anderen Begleitpapiere ordnungsgemäß bis auf den letzten Punkt sind, gibt es vor und später auch hinter dem Schlagbaum noch einmal einen immensen Papierkrieg. Das schikanöse Verhalten der Zöllner und die Art und Weise mit der Sie uns gegenüber ihre Macht bekunden bringen dann schon mal für einen Moment unseren humanitären Gedanken ins Straucheln. Zum Beispiel, wenn ein Zöllner 45 Minuten lang nach der Einfuhrnummer für eine Waschmaschine sucht.

Das Team wird müde, darf aber nicht schlafen, wird zornig, muss jedoch unbedingt den Mund halten und ganz schlimm wird es, wenn die Blase drückt. Die Toiletten (Kukuruki) sind verdreckt und vollkommen unhygienisch, also sucht man sich irgendwo einen Platz im Freien. Da ist es egal, ob der zwischen mannshohen Brennnesseln oder im dornigen Gestrüpp ist. Wer hier stundenlang grundlos warten muss, wird irgendwann mürbe und dann ist einem einfach alles egal, auch der Ort, wo man seine Notdurft erledigt.

Hat man die Grenze mit ihrem Niemandsland und den Straßensperren überwunden findet später noch einmal eine Zollabfertigung vor Ort statt, bei der man sich ebenfalls auf eine etwas längere Wartezeit einstellen sollte. Niemals lassen sich Erfahrungswerte anwenden, immer hängt es von der Situation ab, die uns gerade erwartet.

An der Grenze nach Weißrussland sind wir mit unseren „Rote Kreuz“ - Schildern und einer Blinkanlage 41 Kilometer an wartenden LKWs vorbeigefahren. Für die Speditionen dauerte eine Abfertigung durchschnittlich vierzehn Tage.

Seit Eintritt in die Europäische Gemeinschaft gibt es in Polen keine Zollabfertigung mehr. Die Fahrzeuge werden in der Lagerhalle Lilienthal sorgfältig gepackt und verschlossen und erst beim Empfänger wieder geöffnet. Die Vorsitzenden der Vereine warten zumeist mit jungen Hilfskräften auf unsere Ankunft, um die Fahrzeuge zu entladen.

Die jungen Leute sind fleißig, denn sie wissen, dass sich ihr Einsatz auszahlt. Von den vielen Spenden können sie als Erste das mitnehmen, was sie dringend benötigen.


Ein wichtiger Mann, der im Hintergrund arbeitet



Heinz Kuhr - ohne ihn wäre "Hilfe und Tat" um eine große Portion ärmer

"Man muss schließlich etwas um die Ohren haben" sagt er und deckt mit diesen schlichten Worten ohne großes Aufheben den Löwenanteil seiner Aktivitäten ab. Wer ihn kennt weiß natürlich, dass er sich mit Leib und Seele dem Verein "Hilfe und Tat" verschrieben hat und seine Arbeit schon lange den Rahmen einer "Beschäftigung für Ruheständler" sprengt. Er steht ungern im Rampenlicht und, frei nach Goethe "Tat ist alles, nichts der Ruhm" kämpft er im Hintergrund als einer der fleißigsten Mitstreiter des Vereins, mit ganzem Einsatz gegen Armut und Not im Osten Europas.

Vor acht Jahren ließ sich Heinz Kuhr aus Ottersberg-Bahnhof zum ersten Mal überreden, an einem humanitären Transport nach Russland teilzunehmen. Für diese Fahrt reichte der damals noch berufstätige Fernmeldetechniker eigens Urlaub ein. Er war überwältigt von der Freude und Dankbarkeit, mit der die Hilfsgüter in Russland angenommen wurden. Nach seiner Rückkehr war für ihn klar, dass es nicht bei dieser einen Tour bleiben sollte. Er wurde Mitglied im Verein und meldete sich für weitere Transporte, die er bis zur Pensionierung im Jahr 2000 noch von seinem kostbaren Jahresurlaub abzwackten musste. 1999 fuhr er dreimal die Strecke Otterberg – Kaliningrad und zwei Jahre später, – inzwischen war er Pensionär – übernahm er sogar sechs Hilfstransporte in die Exklave. Kein ganz billiges Hobby, betont Kuhr, denn Fahrt- und Hotelkosten bezahlen die Mitglieder aus eigener Tasche.

Ohne die Toleranz seiner Familie wäre die Vereinsarbeit in diesem Ausmaß gar nicht möglich. Wenn es heißt "Fahr mal hin, da stehen einige Kartons, dann ist ganz schnell ein ganzer Bus voll," berichtet Kuhr, der in seiner Garage längst Lagerplatz für die unzähligen Bananenkartons und Plastiksäcke schaffte – in Spitzenzeiten ein Tohuwabohu, das sich nicht immer mit dem Bild von häuslicher Ordnung in Einklang bringen lässt. Zumeist fährt er in eigener Regie die Sammelstellen in Bremen und Visselhövede ab, um die Sachspenden für den nächsten Hilfstransport zu koordinieren. Sein schlichter Kommentar: "Bislang fand sich kein anderer." Lob für so viel Hilfsbereitschaft verteilt er sofort auf den so genannten harten Kern, des Vereins, ein Team von ungefähr 30 verlässlichen Personen, die aktiv dem Verein zur Verfügung stehen und natürlich auch beim Beladen der Lastwagen helfen.

Die Strecke durch Ostdeutschland, Polen bis ins ehemalige Ostpreußen kennt Heinz Kuhr wie seine Westentasche, trotzdem erlebt er jede Fahrt mit ihrer Grenzabfertigung anders. "Wenn man meint, nun hätte man den Ablauf beim Zoll begriffen, gibt es neue Fragen und neue Formulare," beklagt er die pedantische Abfertigung und erinnert sich im gleichen Moment mit Schrecken an eine zwölfstündige Wartezeit im Grenzbereich. Es gab nicht einmal Toiletten, da ging es dann ab in die hohen Brennnesseln auf dem Gelände. Inzwischen kennen die Oberen an der Grenze die Transporte von "Hilfe und Tat", da dürfen die Männer schon mal auf bevorzugte Behandlung hoffen.

Obwohl es Strapazen sind, macht es Heinz Kuhr jedes Mal viel Spaß, mit einem Nebenmann die 1000 Kilometer zu fahren. Er weiß, dass ihn in Kaliningrad nicht viel Gutes erwartet und mit dieser Einstellung erträgt er die herrschende Armut, die schleppende Bürokratie und auch die Kriminalität und die Polizei. "Man muss die Nerven behalten und schon mal ein sattes Bestechungsgeld hervorziehen, sonst hat man rasch verloren", weiß er aus Erfahrung. An den Hotelzimmern und auch am Essen sei aber nichts auszusetzen, relativiert er rasch seine negativen Eindrücke.

Gute Kontakte sind wichtig, so Kuhr, man braucht sie einfach, wenn es um Probleme, Auskünfte oder einfach nur um Zeit geht. Wir waren deshalb sehr froh, als wir vor ungefähr fünf Jahren eine einflussreiche Kontaktperson für unsere Belange gewinnen konnten. Diesem Mann gelang es, die Zollabfertigung in der Stadt, und damit auch das Abladen außerhalb von Kaliningrad, wesentlich zu erleichtern.

Endlich konnte "Hilfe und Tat" auch einige Krankenhäuser im Umland mit insgesamt 500 Betten versorgen. Selbst diese nicht unerhebliche Menge bleibt aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sein Bericht klingt haarsträubend: In den Krankenhäusern sieht es schlimm aus, es herrscht erheblicher Notstand bei allen medizinischen Geräten. Besonders schlecht sei die medizinische Versorgung in der Kategorie vier und fünf. Hier müssen die Patienten ausschließlich von den Angehörigen gepflegt werden. "Auf einem Transport haben wir zwei Zahnarztstühle mitgenommen", erzählt Heinz Kuhr und schildert, dass sich die Crew beim Aufladen der schweren Stühle den Rücken verrenkte und übersäht waren mit blauen Flecken. "Wir nehmen das alles in Kauf, weil wir wissen, dass unsere Mühe dort belohnt wird," betont er und gleich fällt ihm eine 78-jährige Russin ein, die ihr Glück gar nicht fassen konnte, als er ihr ein Fahrrad vor die Füße stellte. Fortan kann die alte Dame den vier Kilometer langen Weg ins Kinderheim radeln – welch eine Erleichterung.

"Als die IBIS-Hotels renoviert wurden, konnten sich die Mitglieder sämtliches Mobiliar aus den Zimmern holen. "Wir haben uns tagelang mit Matratzen, Waschbecken, Heizungen, Schränken und Betten abgeschleppt, aber wir wussten warum", schwärmt er. "Alle Sachen haben neue Besitzer gefunden: Die Feuerwehrleute in Tapiau können sich fortan zwischen den Einsätzen in richtigen Betten ausruhen und die dortige Theatergruppe bewahrt ihren spärlichen Fundus in Schränken aus dem Hotel auf. Nur 10 % der Bevölkerung gehört der besser gestellten Mittelschicht an, alle anderen sind bettelarm. Deshalb findet alles, was auf den Ladeflächen der Lastwagen steht, sofort Abnehmer. Alle Bedürftigen können sich vom Lager Säcke und Kartons abholen. Was davon nicht passt, wird gleich an Ort und Stelle getauscht.

Wenn der aufwendige Papierkrieg abgeschlossen ist und die Lastwagen endlich auf dem bewachten Parkplatz stehen, liegen zumeist die Nerven blank und er schwört "nie wieder". Zuhause ist der Ärger längst vergessen und die Männer planen mit vereinten Kräften die nächste Tour. "Einfach aufhören können wir nicht, dafür ist die Not in der Exklave Kaliningrad einfach zu groß", betont Kuhr.

22 Fahrten, begleitet von Problemen, Aufregung, Ärger, aber auch mit unwiederbringlichen Glücksmomenten hat Heinz Kuhr inzwischen hinter sich. Er weiß um die Armut in der Stadt und auf dem Lande und er kann sich in die Mentalität der Russen hineinfinden. Die Arbeit für den Verein und schließlich auch für Bevölkerung in Kaliningrad hat einen großen Raum in seinem Privatleben eingenommen. Urlaub und private Unternehmungen plant er seit einigen Jahren nur in Verbindung mit den Terminen des Vereins. Obwohl sein wohlverdientes "Rentnerleben" durch "Hilfe und Tat" gehörig eingeschränkt ist, kann er sich nicht vorstellen, seine uneigennützige Arbeit aufzugeben. Dafür hat das rührige Vereinsmitglied eine ganz einfache Erklärung: "Die Freude und die grenzenlose Dankbarkeit der Not leidenden Menschen würden mir fehlen."

(Achimer-Kreisblatt/Ute Fetkenhauer)


Elvira Syroka - Bericht eines ehemaligen Wolfskindes

(Vilko vaikai = Wolfskinder)

"Wolfskinder" ist die Bezeichnung für deutsche Kriegswaisen, die nach 1945 auf der Suche nach einem Weiterleben in die Hände der Eroberer gerieten und später als Erwachsene unter falscher Identität leben mussten. Etwa 25.000 Kinder verloren in dieser Zweit, während der Flucht ihre Eltern und irrten ziellos durch Ostpreußen (Oblast Kaliningrad) und Litauen umher, ständig auf der Suche nach Essen und Arbeit. Nur wenige Kinder überlebten, einige hatten das Glück von litauischen und russischen Bauern aufgenommen zu werden. Oftmals wurden sie dort wie Arbeitssklaven behandelt.

Während meiner Reise nach Kaliningrad begegnete ich der 78-jährigen Elvira Syroka, einem ehemaligen Wolfskind. Sie verpasste als Halbwüchsige den letzten Transport und musste schutzlos und ohne Heim in der Ruinenstadt unter den Russen bleiben. Inzwischen hat sie ihren Frieden gemacht mit ihrem erbärmlichen Leben und wohl auch mit ihren Peinigern – einfach war es nicht.

Die schlohweißen Haare akkurat frisiert, das Gesicht übersäht mit Falten und Runzeln, blickt sie mich mit blitzenden Augen an. Ja, ihre Augen sind immer noch hellwach und strahlen Hoffnung und Zuversicht aus. Seit vielen Jahren ist sie westlich orientiert, könnte sogar in Deutschland ein bequemes Leben führen, aber sie möchte in ihrem Königsberg bleiben. "Ich will erleben, wie diese Stadt wieder so schön wird, wie sie einst war", sagt sie voller Überzeugung und in diesem Augenblick will ich es einfach glauben.

Wir sitzen in der evangelischen Kirche, Kaliningrad, Probst Heye Osterwald hält seine Predigt und nach zwei bis drei Sätzen wird Gottes Wort durch eine Dolmetscherin den russischen Gläubigen übersetzt. Ich sitze neben Elvira und plötzlich beginnt sie zu reden. Stockend flüstert sie mir ihren grauenvollen Start nach dem Umbruch zu.

Ich arbeitete, wie viele andere Jugendliche während des Krieges auf einem Gut in Litauen. Als die Eltern im Treck vor den Russen flüchteten, gab es in der Eile keine Möglichkeit, mich nach Königsberg zu holen. Die Eltern und meine Geschwister flüchteten ohne mich. Als ich mit anderen Jugendlichen aus Litauen zurückkam, waren die Eltern weg, die Geschwister weg, ich wusste nicht wohin.

Wir haben geheult wie die Wölfe, weil wir hungrig waren und alle entsetzliche Angst hatten. Überall saßen die Sieger, die Russen. Wir suchten Unterschlupf in Ruinen und Kellern, doch wenn wir Hausrat und Decken gefunden hatten, jagten uns die Sowjets wieder fort. Unser Leben bestand nur noch aus Angst. Wir klauten uns irgendwo etwas zum Essen. Elfjährige Jungen mauerten die Einschusslöcher zu und wir tapezierten die Wände mit alten Zeitungen. Nur so konnten wir überleben. Viele Kinder und Jugendliche gingen zurück nach Litauen, ich bin in Königsberg geblieben. Es war doch meine Heimatstadt.

Ihre Stimme verändert sich. Sie wird hart als sie sagt: "Keiner fragt, was die Russen gemacht haben, immer sind nur die Deutschen Schuld. Ich musste mein Heimatgefühl und teuer bezahlen." Was dann folgt, kann ich nur anhören, verstehen kann ich es nicht. Die Russen quälten sie bis ich ohnmächtig zu Boden sank. Dann hängten sie die leblose junge Frau an den Händen gefesselt an einen Baum. Als ihr eine Kuh mit der rauen, nassen Zunge durch das Gesicht leckt, kommt sie zu sich und will sich aus ihrer Zwangslage befreien. Ihre Peiniger greifen erneut zu und schlagen sie viele Male mit dem Kopf gegen eine Wand. Elvira ist mehr tot als lebendig, als sie in ein Massengrab geworfen wird. "Ich kam wieder zu mir und stellte fest, dass sich der gesamte Menschenhaufen bewegte", erzählt sie. Es war ein Auf und Nieder der Arme und Beine und Köpfe. Einige krochen an den Rand der Kuhle und schleppten sich irgendwo in Sicherheit. Sie wollte es wenigstens versuchen und schaffte es bis zu einem Dickicht." Hier fand sie eine mitleidige Russin. Sie nahm die geschundene Frau mit in ihre Wohnung und pflegte die Wunden so gut es ging.

Obwohl die Zeiten auch für die Russen schlimm genug waren, gab es noch Denunzianten, denen Menschlichkeit fremd war. Einige Tage später stand die Miliz vor der Tür um sie abzuholen. Die Russin war außer sich und dachte gar nicht daran, die junge Frau ihrem Schicksal zu überlassen. Sie kniff ihren kleinen Sohn so heftig, dass dieser aus Leibeskräften schrie. An der Tür erklärte sie den Häschern, dass ihr Sohn Typhus hätte. Da gingen sie, weil sie sich nicht anstecken wollten.

So blieb Elvira am Leben – sie sagt mit Gottes Hilfe.

Um endlich ihren deutschen Namen abzulegen heiratete sie 1952 einen Russen, doch ihre Ehe wurde ein entsetzliches Martyrium. Ihr Ehemann vergewaltigte sie und Schläge gehörten zu ihrem Alltag. Ihre einzige Freude waren ihre beiden Kinder, Yuri und Tatyana. Deutsch sprach sie nur noch mit ihrem Herrgott. Die russische Sprache brachte sie sich selbst bei und später lernte sie von ihren Kindern. Viele Jahre, bis 1970, durfte sie ihre deutsche Identität nicht preisgeben, ein einziges deutsches Wort hätte sie das Leben gekostet.

Ihre Familie in Westdeutschland ließ nichts unversucht, die Tochter und Schwester zu finden. Über das Rote Kreuz in Litauen gelang nach vielen Jahren der erste Kontakt. Elvira stellte einen Antrag auf Besuchserlaubnis, der sofort abgelehnt wurde. Sie hatte gelernt zu kämpfen, also reiste sie nach Moskau und bleib eine Woche lang vor dem Kreml sitzen. Dann endlich zeigte man Erbarmen und im Jahre 1970 konnte sie das erste Mal allein nach Deutschland fahren. Ihre beiden Kinder musste sie als lebendiges Pfand in Kaliningrad lassen und nur der Kinder wegen kam sie damals schweren Herzens zurück.

Inzwischen ist sie viele Male in den Westen gereist und hat über die große Entfernung hinweg einen engen Kontakt zu ihren Geschwistern. Längst kommt sie freiwillig zurück, weil Königsberg ihre Heimat ist. "Ich will Ostpreußen erleben wie die Kühe grasen, die Mohrrüben wachsen, ich will die freie Stadt erleben. Ich möchte sehen, wie die Menschen hinein und herausfahren, so wie sie wollen," schwärmt sie und insgeheim wartet sie sehnsüchtig darauf, dass "ihr" Königsberg wieder eine schöne Stadt wird.

Ihre Kinder sind längst erwachsen und können als Russen die Nöte ihrer Mutter schwer nachvollziehen.

Seit vielen Jahren hat Elvira Syroka ihr Leben in den Dienst Gottes gestellt, denn nur so findet sie Kraft für den nächsten Tag. Sie putzt und schmückt die evangelische Kirche in Kaliningrad ganz allein. "Ich muss meinem Herrgott doch zeigen, wie dankbar ich ihm bin, dass er mich am Leben ließ", sagt sie in aller Demut. In der Betreuung von tuberkulosekranken Kindern hat sie noch im hohen Alter die Erfüllung gefunden. Sie hilft wo sie nur kann. Für ein Weggehen in den wohlverdienten Ruhestand, in den Luxus des Westens ist es zu spät. "Ich kann verzeihen", erklärt sie mir, vergessen wird sie die Höllenqualen wohl niemals.

Über den Krieg und seine Verursacher hat sie ihre eigene Meinung: "Hitler war ein großer Mann, er hat allen Arbeit gegeben. Stalin hat die Menschen verachtet und vernichtet. Er hat zweimal mehr Menschen vernichtet als Hitler." –

Ich mag dieser Frau nicht antworten, ihre Meinung bleibt im Raume stehen. – ( Ute Fetkenhauer)


Segelschulschiff "Mir" - das Aushängeschild der russischen Marine

Es hatte den Anschein, als wenn das Segelschulschiff "Mir" im Winter 1993/1994 in Bremerhaven überwintern sollte. Eine sehr fragwürdige Entscheidung, denn die tägliche Versorgung der Besatzung war in keiner Weise gewährleistet. "Hilfe und Tat" hörte von diesem Dilemma und unterstützte die Crew intensiv mit Lebensmitteln. Von den Kapitänen erfuhren wir, dass die "Mir" ihren Liegeplatz längst hätte räumen sollen, es aber nicht konnte, weil die Treibstofftanks bis auf den letzten Tropfen leer waren.

Wieder schalteten wir uns ein und über verschiedene Sponsoren schafften wir es tatsächlich, diesem Schulschiff 42.000 Liter Kraftstoff in die Tanks zu pumpen. Noch am selben Tage ließ sich das stolze Schiff von zwei Schleppern aus dem Hafen bugsieren und konnte nun endlich zurück nach St. Petersburg segeln.

Die beiden Kapitäne Antonow und Shifkov bedankten sich überaus herzlich und luden drei Vereinsmitglieder zu einem langen Segeltörn ein. Hellmuth Miesner und Hannes Burfeindt nahmen diese nicht alltägliche Einladung an und reisten nach Rostock, um dort an Bord zu gehen. Die abenteuerliche Seereise ging bis nach St. Petersburg. Die beiden Vereinsmitglieder mittleren Alters schliefen im Gemeinschafts-Schlafsaal der blutjungen russischen Kadetten und erlebten hautnah den Alltag an Bord eines Segelschiffes. Vorsichtshalber hatten sie sich reichlich Proviant mit an Bord genommen, den dann aber die recht ausgehungerten jungen Männer vertilgten.

Ein ganz besonderes Erlebnis für die beiden Vereinsmitglieder war die Besichtigung der Festungsinsel Kronstadt, die seinerzeit für Touristen gesperrt war. Mit der Admiralsbarkasse setzte man Miesner und Burfeindt über. Der Admiral ließ es sich nicht nehmen, die beiden durch die Anlage zu führen. Nach dem Rundgang, so steht es in den Aufzeichnungen, floss – wie üblich in Russland – der Wodka in Strömen. (Uwe Remmers)


Autounfall in der Großstadt Warschau

Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten Hilfstransporte nach Pinsk für uns der pure Stress waren. Es ging unaufhaltsam weiter bis zum Ziel und die Fahrer schliefen während der Fahrt abwechselnd im Auto. Auch in Pinsk legten wir keine Übernachtung ein. Sobald die Fahrzeuge leer waren ging es zurück in Richtung Westen.

Das Erlebnis während einer Rückfahrt zwang uns dann aber doch, unsere Organisation zu überdenken. Wir waren auf dem Rückweg, es regnete und die Sicht wurde denkbar schlecht. Martin Böttcher am Steuer weckte mich auf. Er hatte das vorausfahrende Wohnmobil aus den Augen verloren. Also fuhren wir mit dem LKW allein durch Warschau. Die Route ging auf einer Vorfahrtsstraße über viele Kreuzungen, eine jedoch hatte ein Schild „Vorfahrt beachten“. Das übersah unser Fahrer und mitten auf der Kreuzung, auf der dritten Fahrbahn geschah das Unvermeidliche: Ein Litauischer Audi fuhr in unseren Anhänger. Der Anhänger riss auseinander und lag als übergroßer Schrotthaufen auf der Straße.

Innerhalb kürzester Zeit war die Polizei am Unfallort, natürlich mit den üblichen Fragen nach den Fahrzeugpapieren. Weil bekanntlich ein Unglück selten allein kommt, gab es ein neues Problem, denn sämtliche Unterlagen befanden sich im Wohnmobil und das rollte Kilometer vor uns durch die Nacht. Der stark lädierte Anhänger wurde von dem nachfolgenden Containerfahrzeug der Firma Schorfmann auf einen Container gehievt und mit zurückgenommen. Martin Böttcher und ich mussten mit auf das Polizeirevier, denn dort wurde der Unfall ausführlich aufgenommen. Die Polizisten hatten wohl unsere missliche Situation erkannt. Sie kochten uns Kaffee und erlaubten uns, über das deutsche Konsulat in Warschau eine grüne Versicherungskarte und Identitätsnachweise zu besorgen. Das EDV-System steckte noch in den Kinderschuhen, darum war die Beschaffung dieser wichtigen Unterlagen sehr umständlich. Schließlich arbeiteten aber alle mit und um 11 Uhr morgens lagen die Unterlagen vor. Wir konnten endlich unsere Heimreise fortsetzen.

Dieser Unfall wäre nicht passiert, wenn wir uns mehr Ruhe gegönnt hätten. Fortan übernachteten wir zwei Nächte in Pinsk und lernten endlich die Gegend kennen, die bislang nur Empfangsstation unserer Hilfsgüter war.


Pinsk – scheinbar am Ende der Welt

Der geheimnisvolle Osten, bisher für westliche Europäer unerreichbar, war nach der Wende nicht mehr hermetisch abgeschlossen. Neugier, Abenteuerlust, aber wohl auch eine gehörige Portion Humanität ergriff die Menschen aus der Großgemeinde, die die ersten Transporte begleiten wollten.

Es dauerte gar nicht lange, da hatte „Hilfe und Tat“ Krankenhausbetten vom Evangelischen Hospital in Lilienthal an Bord. Diese Betten sind immer noch Bestandteil des Krankenhauses in Pinsk.

Strenge Winter, Eiseskälte und denkbar schlechte Straßen machten jede Tour zu einem neuen Abenteuer. An den Grenzen bildeten sich endlose Schlangen von Lastwagen. Alle harrten geduldig aus, denn die Einreise und Zollabfertigung nach Russland war und ist immer noch mehr als schwierig. Auf unserer Route gab es kaum Tankstellen. Hatte man endlich eine öffentliche Zapfsäule angefahren, war der eigentliche Tankvorgang eine Prozedur für sich. Alles, was im Westen zur Selbstverständlichkeit gehört, wurde für die Transportbegleiter zu einer Aufgabe. Niemand der Mitfahrer wird die negativen Erlebnisse vergessen können. Allerdings überwiegen die positiven Erinnerungen und dazu gehört die herzliche Gastfreundschaft, verbunden mit einer grenzenlosen Dankbarkeit. In einem kleinen Dorf in den Pripjat-Sümpfen versuchten die Frauen uns die Hände zu küssen, als wir ihnen einen Lieferwagen voll Brot brachten. Zwischen Ost und West entwickelten sich Freundschaften, die trotz der Sprachbarriere immer noch Bestand haben.


Heiligabend in Bremerhaven auf der "Ionian Jade"

Die russische Mannschaft des Tankers "Ionian Jade" vegetierte schon seit Tagen dahin. Das Schiff lag an der Kette und die Besatzung verfügte weder über Esswaren noch über Wasser an Bord.

Lola Lenz, eine Frau mit humanitären Grundideen, hatte uns auf diesen Zustand aufmerksam gemacht. Ich fuhr gemeinsam mit einigen Mitstreitern an die alte Bananen-Pier in Bremerhaven, um mir ein genaues Bild vor Ort zu machen. In den großen Kühlräumen lagen lediglich drei tief gefrorene Enten und einige Konserven. Ein unhaltbarer Zustand, kurz vor Heiligabend, der uns Vereinsmitgliedern sehr zu Herzen ging. Wir erkannten den Handlungsbedarf und sammelten in ganz kurzer Zeit große Mengen Lebensmittel, die wir an Bord der "Ionian Jade" brachten. Ein Landwirt hatte sogar einen Tannenbaum gespendet. Der Kapitän bedankte sich sehr herzlich und als die "Weihnachtsmänner" von Hilfe und Tat gehen wollten, hatte die Besatzung den Baum bereits mit Kugeln geschmückt. Gemeinsam sangen die Russen und wir Deutsche jeder in seiner Sprache "Stille Nacht, heilige Nacht".

Ein bewegendes Erlebnis, dass bis heute in uns nachklingt.

Damit war das Thema "Trinkwasser" immer noch brennend aktuell. Die zuständigen Stellen, weder die Feuerwehr noch das Hafenamt, waren bereit, den Seeleuten Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Hilfe und Tat entwickelte einen nicht ganz legalen Plan, der schließlich zum Erfolg führte.

Am Vorabend informierten wir die Schiffsbesatzung, sie solle am anderen Morgen gegen 6 Uhr ihre Wasserübernahmeschläuche bereithalten. Am Morgen wurde ein Standrohr, Leihgabe einer Tiefbaufirma, an den Unterflurhydranten des öffentlichen Trinkwassernetzes angeschlossen, Schlauchbrücken über die Schläuche gelegt und schon schoss das kostbare Nass in die Vorratstanks.

Bis heute sind wir stolz auf diesen Coup, denn diese illegale Aktion hätte im Ernstfall eine Strafe nach sich gezogen.

In der Folgezeit belieferten wir noch weitere Schiffe mit Esswaren, aber nie mehr entwickelte sich ein so herzlicher und intensiver Kontakt wie auf der "Ionian Jade". (Uwe Remmers)


Hilfe, dort wo niemand mehr zuständig ist. (Lydia Piester)

Seit Jahren kümmert sich Lydia Piester gemeinsam mit ihrer Schwester Anna um Kinder, die keiner will.

In dem kleinen Dorf Gratschowka, zwischen Kaliningrad und Swetlogorsk, dem früheren Rauschen, weitab von der Hauptstraße, hat sie ein Kinderheim aufgebaut. Es fehlt an allem, an Liebe allerdings fehlt es nicht. Für die Alkoholwaisen, deren Eltern sich ausschließlich mit Wodka beschäftigen und Kinder aus zerrütteten Familien ist sie Mutter und Lehrerin zugleich. Die Kinder lernen bei Lydia Piester ein geordnetes Leben kennen. Sie kümmert sich um Essen und Trinken, um eine Schulausbildung und gibt ihren Schützlingen ein gutes Fundament für das spätere Leben.

Allerdings muss sie auch gegen die Machenschaften des Regimes kämpfen. Ihr erstes Domizil war gerade renoviert und menschenwürdig ausgestattet, da zwang man sie, diese Räumlichkeiten zu verlassen. Sie gab nicht auf und suchte eine neue Bleibe für ihre große Familie, die sie letztlich in Gratschowka im Dachgeschoß eines alten Hauses fand. Das alles macht sie völlig uneigennützig.

Hilfe und Tat hatte vor für sie zwei riesige Koffer mit Kleidung und anderen Hilfsgütern in der evangelischen Kirche Kaliningrad deponiert. Sie war überglücklich, dass wir an sie gedacht hatten, dennoch bereitete ihr die Spende große Sorgen. Es war ihr kaum möglich, die 17 Rubel (ca. 50 Cent) für den Bus aufzubringen. - Um ihr weniges Geld zu sparen, ging die ältere Dame den weiten Weg bis in die Stadt nach Möglichkeit zu Fuß.

Eine Entscheidung, die hier im Westen kaum jemand treffen würde.


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